Jonglierend zum Prüfungserfolg

Jolanda Spirig beobachtete Lernberatungsstunden mit Manfred Gehr und berichtete für das St. Galler Tagblatt und die Basler Zeitung
Montagmorgen: Die 13-jährige Annette* und der gleichaltrige Sandro* sind gut gelaunt, aber etwas gespannt sind sie schon: Statt ins reguläre Klassenzimmer gehts zum mind-juggling nach Rehetobel (ein weiteres Beratungsbüro ist in St. Gallen). Lernberater Manfred Gehr erwartet sie vor der Judoschule, die er für das reflektierte Jonglieren gemietet hat. Der ehemalige Sekundarlehrer hat die Kombination von Jonglieren und Kommunikation entwickelt. Erst mal gilt es die Schuhe auszuziehen. Kinder und Lernberater machen sichs auf den Bodenmatten bequem.
« Wie läufts in der Schule?» - «Ich kann mir gewisse Wörter voll nicht merken», sagt Sandro, «und dann habe ich während des Diktats ständig das Gefühl, ich müsse pressieren.» Manchmal macht er 44 Fehler und manchmal 22. Annette wird bei Mathematikprüfungen nervös und macht im Durcheinander Flüchtigkeitsfehler. Die richtige Lösung kommt ihr erst im Nachhinein in den Sinn.

Augenkontakt

« Wir schauen, ob es bessere Möglichkeiten gibt zu reagieren», meint Manfred Gehr und nimmt seine fünf Jonglierbälle zur Hand. Sandro runzelt die Stirn. Er ist nicht gut in Rechtschreibung, und mit Bällen jonglieren kann er schon gar nicht, davon ist er überzeugt. Dennoch: In einer Stunde wird er es können. Manfred Gehr schaut ihm in die Augen, während er die Bälle wirft. Er merkt sofort, wenn Sandros Konzentration nachlässt und er innerlich abtaucht. Dies beobachtet er oft in solchen Situationen, die eine Niederlage erwarten lassen. Gehr ermuntert die Kinder, aufmerksam zu bleiben, die Bälle entspannt und mit einem Lächeln zu werfen und es nicht als Niederlage anzusehen, wenn ein Ball daneben gegangen ist, sondern den Blick auf den Fortschritt zu richten: «Wenn etwas nicht funktioniert hat, ist das bereits Vergangenheit. Beschäftige Dich mit Deiner Absicht. Die ist spannend. Denk an den Ball, der dir jetzt gelingt.» Immer wieder verknüpft Gehr das Jonglieren mit dem Diktat oder der Matheprüfung. Sein Ziel: Weg von der Fehlerfixiertheit, hin zu mehr Selbstvertrauen. «Beim nächsten Versuch schaffen wir 20 Würfe» oder «Beim nächsten Diktat mache ich alles richtig». Sandro schafft vorerst nur acht Bälle. «Wenn wir acht schaffen, dann schaffen wir auch 20. Mit jedem Versuch werden wir besser», ermuntert Manfred Gehr die beiden Kinder.

 

Sich Zeit nehmen

Annette ist eine gute Fussballerin. Wenn sie unsicher wird, soll sie an ihre Fussballerfolge denken. «Selbstvertrauen ist nicht etwas, das du hast oder nicht hast», erklärt der Jongleur. Selbstvertrauen sei vielmehr etwas, das man sich hole. «Du übernimmst die Verantwortung, du bist die, welche steuert», sagt Gehr. Annette soll sich mehr Zeit lassen beim Jonglieren, die Bälle höher werfen. Sich auch während der Mathematikprüfung nicht stressen lassen, indem sie sich sagt: «Ich habe genügend Zeit, um die Aufgaben zu lösen.» Sobald sie nicht mehr darüber nachdenkt, ob ihr die Aufgabe gelingt, gewinnt sie Zeit und Energie, die sie für die Lösung einsetzen kann. Noch etwas gibt Manfred Gehr den Kindern mit: «Wir selber sind sowieso wertvoll und gut. Wir werden nicht schlechter, wenn uns etwas nicht gelingt, wir werden aber auch nicht besser, wenn uns etwas gelingt.» Gegen Ende der Lektion jonglieren die beiden mit einer Leichtigkeit, als hätten sie seit Wochen geübt. Das hätten sie sich eine Stunde zuvor nie und nimmer zugetraut. Gut möglich, dass sie sich bei der nächsten Prüfung an die kleine zuversichtliche Frau oder das kleine fröhliche Männchen in ihrem Kopf erinnern, das ihnen hohe Ziele setzt und die Dinge locker nimmt, auch wenn sie mal danebengehen. Manfred Gehr hat die mentalen Figuren nach dem Jonglieren mit den Kindern erarbeitet.


Gute Noten

Der 10-jährige Claudio* war ein typisches POS-Kind mit grossen Konzentrationsschwierigkeiten. «Zahlen waren für ihn wie eine Fremdsprache», erinnert sich die Mutter an die Zeit vor dem Mind-Juggling mit Manfred Gehr. Sie berichten beide von frappierenden Fortschritten. Der Lernberater sah ihm beim Jonglieren in die Augen und gab ihm ein Zeichen, sobald er innerlich «abtauchte». So lernte Claudio, aufmerksam zu bleiben, den Schwierigkeiten nicht auszuweichen, die Aufgaben mit einem Lächeln und mit leuchtenden Augen anzugehen. Heute erledigt er seine Hausaufgaben blitzschnell. Er freut sich auf seine Beratungsstunden und bringt ausserdem gute Noten nach Hause. Auch Marc* liess sich von Manfred Gehr beim reflektierten Jonglieren eine hilfreiche Lernhaltung beibringen, als er vor der Kanti-Aufnahmeprüfung stand. Sein Klassenlehrer hatte ihm von der Mittelschule abgeraten, da er mit der diagnostizierten Diskalkulie keine Chance sah. In einem Jahr macht Marc die Matura in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Richtung.

 

Zweite Chance

« Ich kann plötzlich rechnen», freut sich der 19-jährige Dachdeckerstift Stefan S*. Auch allgemeine Arbeiten, die Konzentration benötigen, kann er heute besser ausführen. Bei seiner ersten Lehrstelle als Baumaschinen-Mechaniker war der Realschüler überfordert. Der einstige POS-Bub stiess zu Manfred Gehr, und ein St. Galler Dach- und Fassadenbauer gab ihm eine zweite Chance. Stefan S. ist heute im zweiten Lehrjahr. Er fühlt sich wohl auf den Dächern, und seine Zeugnisse können sich sehen lassen. Eher ungewöhnlich, aber nicht minder erfolgreich war Manfred Gehrs anderthalbstündige «Feuerwehrübung» mit der 36-jährigen Buchhalterin Andrea W*. An der Probeprüfung zur eidg. dipl. Buchhalterin hatte sie vollständig versagt. «Manfred Gehr gab mir das Gefühl, dass ich jemand bin und dass ich die Prüfung schaffen kann.» Was dann auch eintraf: 40 Prozent der Geprüften fielen durch, und Andrea W. bestand die Prüfung. «Ich fühle mich jetzt noch gut», schwärmt die Werdenbergerin. Und wie ist es Annette und Sandro nach ihrer ersten Jonglierstunde beim Modulrechnungstest und bei der Französischprüfung ergangen? «Ich war überhaupt nicht nervös und konnte mich viel besser konzentrieren», meldete die Sechstklässlerin. Sandro war schon beim Lernen zuversichtlich: «Ich machte die Prüfung, als ob es nur ein Arbeitsblatt wäre, und es klappte ganz gut.»
* Namen geändert

 

Lehrer und Berater

Manfred Gehr-Huber unterrichtet Mathematik am kaufmännisches Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen. Er leitet die Fachstelle für Lernberatung «Lern-Impuls» in St. Gallen und Rehetobel und arbeitet als Unternehmens- und Teamberater mit Kindern und Erwachsenen in Schweizer Versicherungsunternehmen, Bundesämtern, Sozialdiensten, Spitälern und Schulen.


Jolanda Spirig beobachtete Lernberatungsstunden mit Manfred Gehr und berichtete für das St. Galler Tagblatt und die Basler Zeitung
Montagmorgen: Die 13-jährige Annette* und der gleichaltrige Sandro* sind gut gelaunt, aber etwas gespannt sind sie schon: Statt ins reguläre Klassenzimmer gehts zum mind-juggling nach Rehetobel (ein weiteres Beratungsbüro ist in St. Gallen). Lernberater Manfred Gehr erwartet sie vor der Judoschule, die er für das reflektierte Jonglieren gemietet hat. Der ehemalige Sekundarlehrer hat die Kombination von Jonglieren und Kommunikation entwickelt. Erst mal gilt es die Schuhe auszuziehen. Kinder und Lernberater machen sichs auf den Bodenmatten bequem.
« Wie läufts in der Schule?» - «Ich kann mir gewisse Wörter voll nicht merken», sagt Sandro, «und dann habe ich während des Diktats ständig das Gefühl, ich müsse pressieren.» Manchmal macht er 44 Fehler und manchmal 22. Annette wird bei Mathematikprüfungen nervös und macht im Durcheinander Flüchtigkeitsfehler. Die richtige Lösung kommt ihr erst im Nachhinein in den Sinn.

Augenkontakt

« Wir schauen, ob es bessere Möglichkeiten gibt zu reagieren», meint Manfred Gehr und nimmt seine fünf Jonglierbälle zur Hand. Sandro runzelt die Stirn. Er ist nicht gut in Rechtschreibung, und mit Bällen jonglieren kann er schon gar nicht, davon ist er überzeugt. Dennoch: In einer Stunde wird er es können. Manfred Gehr schaut ihm in die Augen, während er die Bälle wirft. Er merkt sofort, wenn Sandros Konzentration nachlässt und er innerlich abtaucht. Dies beobachtet er oft in solchen Situationen, die eine Niederlage erwarten lassen. Gehr ermuntert die Kinder, aufmerksam zu bleiben, die Bälle entspannt und mit einem Lächeln zu werfen und es nicht als Niederlage anzusehen, wenn ein Ball daneben gegangen ist, sondern den Blick auf den Fortschritt zu richten: «Wenn etwas nicht funktioniert hat, ist das bereits Vergangenheit. Beschäftige Dich mit Deiner Absicht. Die ist spannend. Denk an den Ball, der dir jetzt gelingt.» Immer wieder verknüpft Gehr das Jonglieren mit dem Diktat oder der Matheprüfung. Sein Ziel: Weg von der Fehlerfixiertheit, hin zu mehr Selbstvertrauen. «Beim nächsten Versuch schaffen wir 20 Würfe» oder «Beim nächsten Diktat mache ich alles richtig». Sandro schafft vorerst nur acht Bälle. «Wenn wir acht schaffen, dann schaffen wir auch 20. Mit jedem Versuch werden wir besser», ermuntert Manfred Gehr die beiden Kinder.

 

Sich Zeit nehmen

Annette ist eine gute Fussballerin. Wenn sie unsicher wird, soll sie an ihre Fussballerfolge denken. «Selbstvertrauen ist nicht etwas, das du hast oder nicht hast», erklärt der Jongleur. Selbstvertrauen sei vielmehr etwas, das man sich hole. «Du übernimmst die Verantwortung, du bist die, welche steuert», sagt Gehr. Annette soll sich mehr Zeit lassen beim Jonglieren, die Bälle höher werfen. Sich auch während der Mathematikprüfung nicht stressen lassen, indem sie sich sagt: «Ich habe genügend Zeit, um die Aufgaben zu lösen.» Sobald sie nicht mehr darüber nachdenkt, ob ihr die Aufgabe gelingt, gewinnt sie Zeit und Energie, die sie für die Lösung einsetzen kann. Noch etwas gibt Manfred Gehr den Kindern mit: «Wir selber sind sowieso wertvoll und gut. Wir werden nicht schlechter, wenn uns etwas nicht gelingt, wir werden aber auch nicht besser, wenn uns etwas gelingt.» Gegen Ende der Lektion jonglieren die beiden mit einer Leichtigkeit, als hätten sie seit Wochen geübt. Das hätten sie sich eine Stunde zuvor nie und nimmer zugetraut. Gut möglich, dass sie sich bei der nächsten Prüfung an die kleine zuversichtliche Frau oder das kleine fröhliche Männchen in ihrem Kopf erinnern, das ihnen hohe Ziele setzt und die Dinge locker nimmt, auch wenn sie mal danebengehen. Manfred Gehr hat die mentalen Figuren nach dem Jonglieren mit den Kindern erarbeitet.


Gute Noten

Der 10-jährige Claudio* war ein typisches POS-Kind mit grossen Konzentrationsschwierigkeiten. «Zahlen waren für ihn wie eine Fremdsprache», erinnert sich die Mutter an die Zeit vor dem Mind-Juggling mit Manfred Gehr. Sie berichten beide von frappierenden Fortschritten. Der Lernberater sah ihm beim Jonglieren in die Augen und gab ihm ein Zeichen, sobald er innerlich «abtauchte». So lernte Claudio, aufmerksam zu bleiben, den Schwierigkeiten nicht auszuweichen, die Aufgaben mit einem Lächeln und mit leuchtenden Augen anzugehen. Heute erledigt er seine Hausaufgaben blitzschnell. Er freut sich auf seine Beratungsstunden und bringt ausserdem gute Noten nach Hause. Auch Marc* liess sich von Manfred Gehr beim reflektierten Jonglieren eine hilfreiche Lernhaltung beibringen, als er vor der Kanti-Aufnahmeprüfung stand. Sein Klassenlehrer hatte ihm von der Mittelschule abgeraten, da er mit der diagnostizierten Diskalkulie keine Chance sah. In einem Jahr macht Marc die Matura in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Richtung.

 

Zweite Chance

« Ich kann plötzlich rechnen», freut sich der 19-jährige Dachdeckerstift Stefan S*. Auch allgemeine Arbeiten, die Konzentration benötigen, kann er heute besser ausführen. Bei seiner ersten Lehrstelle als Baumaschinen-Mechaniker war der Realschüler überfordert. Der einstige POS-Bub stiess zu Manfred Gehr, und ein St. Galler Dach- und Fassadenbauer gab ihm eine zweite Chance. Stefan S. ist heute im zweiten Lehrjahr. Er fühlt sich wohl auf den Dächern, und seine Zeugnisse können sich sehen lassen. Eher ungewöhnlich, aber nicht minder erfolgreich war Manfred Gehrs anderthalbstündige «Feuerwehrübung» mit der 36-jährigen Buchhalterin Andrea W*. An der Probeprüfung zur eidg. dipl. Buchhalterin hatte sie vollständig versagt. «Manfred Gehr gab mir das Gefühl, dass ich jemand bin und dass ich die Prüfung schaffen kann.» Was dann auch eintraf: 40 Prozent der Geprüften fielen durch, und Andrea W. bestand die Prüfung. «Ich fühle mich jetzt noch gut», schwärmt die Werdenbergerin. Und wie ist es Annette und Sandro nach ihrer ersten Jonglierstunde beim Modulrechnungstest und bei der Französischprüfung ergangen? «Ich war überhaupt nicht nervös und konnte mich viel besser konzentrieren», meldete die Sechstklässlerin. Sandro war schon beim Lernen zuversichtlich: «Ich machte die Prüfung, als ob es nur ein Arbeitsblatt wäre, und es klappte ganz gut.»
* Namen geändert

 

Lehrer und Berater

Manfred Gehr-Huber unterrichtet Mathematik am kaufmännisches Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen. Er leitet die Fachstelle für Lernberatung «Lern-Impuls» in St. Gallen und Rehetobel und arbeitet als Unternehmens- und Teamberater mit Kindern und Erwachsenen in Schweizer Versicherungsunternehmen, Bundesämtern, Sozialdiensten, Spitälern und Schulen.